Im Königreich der Bienen

Imker Ewald Baier aus Ramsau am Dacftstein und seine Begeisterung für die „Honigmacher“

Jeder Honig ist charakteristisch in Optik und Geruch. Ewald Baier kennt alle Sorten. Seit 30 Jahren ist er Imker. Auf die Frage, ob er den Honig mache, antwortet der Ramsauer lachend: „Nein, den machen meine Bienen.“

„Stierhäusl“ wird das Anwesen in Ramsau am Dachstein genannt, in dem Ewald Baier und seine Frau Elfi leben. Eigentlich müsste es „Bienenhäusl“ heißen, denn im Garten der Baiers tummeln sich unzäh- lige Arbeiterinnen des bestäubenden Insekts. Zwischen zehn und zwölf Bienenvölker bewohnen die Stöcke vor dem Haus. Laufend schwirren Bienen aus, während andere in ihre Behausung zurückkehren. Das Volk ist in ständiger Bewegung. Was auf den ersten Blick wie ein chaotisches Kommen und Gehen erscheint, ist bei näherer Kenntnis ein Verhalten, das einer strengen Arbeitshaltung unterliegt. Imker Ewald Baier weiß, ein Bienenvolk ist perfekt durchorganisiert. „Jede Biene hat ihre Aufgabe“, erklärt der erfahrene Imker und spricht von verschiedenen Tätigkeitsbereichen – von der Brutpflege bis hin zum Futtersammeln. „Ein Bienenvolk funktioniert wie ein Organismus“, findet Ewald Baier den passenden Vergleich. Denn keine Biene ist allein, sondern nur im Kollektiv lebensfähig. Den Honig sammelt das uneigennützige Geschöpf ausschließlich für die nächste Generation. Vor allem aus diesem Grund sieht Ewald Baier die Biene als Vorbild für einen Sozialstaat. 30 Jahre lang geht der Ramsauer bereits der Imkerei nach; seit 10 Jahren fungiert er als Obmann des Bienenzuchtvereins Schladming. Der Verein, dessen Tätigkeit sich über die Gemeindegebiete von Ramsau und dem benachbarten Schladming erstreckt, zählt rund 50 Mitglieder – Tendenz steigend.

Bienen als effektive Bestäuber

In den letzten Jahren sind einige Jungimker dem Bienenzuchtverein Schladming beigetreten. Die zunehmende Anzahl an Bienenzüchtern freut nicht nur Obmann Ewald Baier, sondern sie wirkt auch einem ernsten Umweltproblem entgegen. 80 Prozent aller Pflanzen sind auf Fremdbestäubung angewiesen – einen Großteil davon erledigt die Biene. Wo Bienen fehlen, werden Pflanzen nicht mehr ausreichend bestäubt, mit schwerwiegenden Folgen für Artenvielfalt und Obstanbau. Die Biene prägt somit wesentlich die Flora der gesamten Region. Und diese ist ein kleines Paradies abseits von großen Monokulturen. „Unsere Bienen sammeln Pollen und Nektar von Wiesen- und Almblumen“, sagt Ewald Baier. Aufgrund der fehlenden Massentracht haben seine Bienen dementsprechend Zeit, ihren Honig zu veredeln und einzudicken. Der geringe Wassergehalt in Ewald Baiers Honig ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal des süßen Golds.

Idealismus ist erforderlich

Zwei bis drei Mal im Jahr kann Ewald Baier den Honig seiner Bienen ernten. Der durchschnittliche Ertrag pro Volk liegt dabei bei 20 Kilogramm. Zum Vergleich: In Regionen, in denen Monokulturen, wie Sonnenblumen- oder Rapsfelder, dominieren, ist dieser Ertrag fünf Mal höher. Somit bedarf die Imkerei in Ramsau am Dachstein eines gewissen Idealismus. „Ich bin begeistert von der Biene und der Natur. Als reiner Wirtschaftszweig würde sich die Imkerei nicht rentieren“, gibt Ewald Baier zu bedenken. Billiganbieter aus EU- und Nicht-EU- Ländern drängen längst auch auf den heimischen Markt und drücken den Verkaufspreis für Honig. Mit diesen Großanbietern müssen selbst Kleinimker mithalten. Auch wenn ihr Honig, wie der von Ewald Baier, arbeitsintensiv in der Herstellung und von hoher Qualität ist.

Goldgekrönte Alpenrose

Es ist eine zeitintensive Tätigkeit, der Ewald Baier nachgeht. 40 Völker sind es in Summe, die der Imker betreut. Neben den Bienenstöcken im Garten hat er weitere im benachbarten Schladming aufgestellt. Um den 20. Juni bringt er einige Völker auf die Alm. Zu dieser Zeit blüht der Almrausch – und das nicht länger als 10 Tage. Es ist der einzige Sortenhonig, den Ewald Baier produziert. Für seine „Alpenrose mit Honigtau“ hat er 2016 die Auszeichnung in Gold erhalten. Doch was ist eigentlich Honigtau? Ich habe nachgefragt.

Für den Waldhonig braucht es Läuse

Nicht nur Pollen und Nektar sammelt die Honigbiene. Auch ein süß schmeckendes Sekret, das Blattläuse ausscheiden, lockt das bestäubende Insekt an. Der sogenannte „Honigtau“. Was dabei herauskommt ist Waldhonig. Er unterscheidet sich nicht nur durch seine Zusammensetzung, sondern auch durch Farbe und Eigenschaften vom Blütenhonig. Der kräftige, dunkle Waldhonig ist herbwürzig im Geschmack und bleibt lang flüssig. „Rund 200 Inhaltsstoffe sind in Honig enthalten“, erklärt Ewald Baier, wobei der Gehalt an Mineralstoffen und Enzymen im Waldhonig besonders hoch ist. Sein Wissen über Bienen und deren Honig gibt der erfahrene Imker auch gerne weiter. Besonders an nachkommende Generationen. Nicht selten besuchen ihn Schulklassen. In einem Schaukasten hält Ewald Baier ein Bienenvolk hinter Glas. Und auch eine Kostprobe stellt der Imker gerne zur Verfügung. „Das Schönste ist für die Kinder, wenn ich sie aus einer frischen Wabe löffeln lasse“, lacht der Imker. Im Mai und Juni kann er ein Volk meist problemlos öffnen. „Zu dieser Zeit stechen die Bienen in der Regel nicht, wenn ich eine Wabe herausnehme“, erzählt Ewald Baier.

Duften nicht erwünscht

Zur Abschlussernte Ende Juli zeigen sich die Bienen weniger versöhnlich. „Da ist das Volk relativ nervös“, spricht Ewald Baier aus Erfahrung. Um es zu beruhigen, verwendet der Imker Rauch und Nelkenöl. Generell reagieren Bienen sensibel auf Gerüche. Stark duftende chemische Substanzen können sie gar nicht leiden. „Mit After Shave, Deo oder frisch gewaschenem Haar würde ich mich keinem Bienenstock nähern“, warnt der Imker, „das macht die Bienen aggressiv.“ Obwohl sich Ewald Baier an diese Regeln hält, trägt er gerade zur letzten Ernte des Jahres Schutzkleidung, wenn er die Honigwaben dem Bienenstock entnimmt, um das süße Gold zu gewinnen. Neben Honig verkauft Ewald Baier auch Propolistropfen, die er aus einer harzartigen, keimfreien Masse gewinnt, die Bienen von Baumknospen sammeln, um damit das Innere ihrer Behausung aus- zukleiden. „So desinfizieren Bienen ihren Stock. Sie verwenden es zur Abwehr gegen Pilze, Viren und Bakterien“, erklärt Ewald Baier. Für den Menschen dient Propolis zur Stärkung des Immunsystems. Nachdem Ewald Baier die Tropfen in kleine Fläschchen abgefüllt hat, kommen sie in den eigenen Hausladen. In einem massiven Holzschrank reihen sich Honiggläser und Propolisfläschchen nebeneinander zum Verkauf. Auch ich nehme zwei Kostproben mit nach Hause. Ein Glas gefüllt mit Ewald Baiers prämierten Alpenrosen- Honig und eines mit Waldhonig.

Fazit: Mhm, lecker!